Petяa Dalquen
 
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Leseproben zu See-Nebel: Blaulicht am Strand

 

Blaulicht am Strand
Garopa heißt der Fisch. Ich sehe ihn mir an. Eine Seltenheit ist er nicht. Sagt der Sohn vom Chef. Er ist hier heimisch, sagt der Sohn vom Chef.

Ich habe noch nie einen gesehen,
einen Garopa. Ich habe noch nie so einen schönen Fisch gesehen.
Ich schau ihn mir an.

Er ist groß, sicher so 6 kg schwer.
Wunderschön. Hell-silberne
Schuppen. Wie das Unterteil einer Meerjungfrau. Wie eine Meister-Arbeit vom
Silberschmied.


Zu schade zum essen. Er ist noch unversehrt. Aber tot ist er schon.

Ich werde mich bei ihm entschuldigen. Stumm. So wie die Indianer das tun. Wie in der bekannten Rede dieses Indianer-Häuptlings.
Es ist das erste Mal, dass ich einen Garopa essen werde.
Ich bestelle eine Scheibe davon, gegrillt, mit Butter und Knoblauch, mit Kartoffeln und Salat. Einen Weißwein dazu.

Mein Leben lang werde ich an diesen Garopa denken. Und niemals wieder werde ich einen Garopa essen.
Aber das kann ich jetzt noch nicht wissen.


Jetzt genieße ich einen Sonnenuntergang wie er sein muss. Kitschig - romantisch glamourös.


Die Farben des Himmels, wenn der Tag zu Ende geht. Die Farben des Meeres, wenn sie jede Pigmentierung zu verlieren scheinen.
Am Nachbartisch, ein älteres Ehepaar mit Tochter. Sie bestellen Sangria und die Karte. Mutter und Tochter schauen sich die Fische des Tages an. Sie liegen in einer mit einer Glashaube bedeckten Kühltruhe. Offensichtlich kannten auch die beiden Frauen vorher den Garopa nicht. Auch sie finden ihn sehr schön. Obwohl ihm jetzt eine
Scheibe fehlt. Meine. Doch das ist sein Schicksal. Verzehrt zu werden.

Ich hoffe, die Familie am Nebentisch entschuldigt sich ebenfalls bei dem Fisch.
Ein junger Mann mit einem Kinderwagen. Er gehört zu dem Ehepaar mit Tochter.
Der Schwiegersohn. Der Mann. Der Vater.
Der Vater des Babys. Es ist höchstens zwei Monate alt.
Über dem Kinderwagen liegt eine Stoff-Windel. Er will, dass das Kind schläft. Unter der Windel schauen die nackten Beinchen heraus.

Es ist frisch geworden, hier am Meer. Das Baby hat kalte Füße. Man kann das sehen. Es krümmt die einzelnen Zehen, Kleinstkinder können das noch. Es verhakelt die kleinen Zehen miteinander.
Die Fußsohlen ziehen sich zusammen wie kleine rosa Muscheln. Die Füße schreien
nach einer warmen Decke oder nach Strümpfen. Herzzerreißend.
Jetzt schreit das ganze Kind. Der Vater schaukelt den Kinderwagen. Heftig. Es nutzt nichts.
Er lässt es schreien. Die Mutter unterhält sich angeregt mit den Eltern. Ihr macht es nichts aus, dass ihr Baby schreit. Sie essen ihre Tapas, genießen den Sangria und den Sonnenuntergang.
Sie lassen das Kind schreien. Alle drei. Großvater. Großmutter. Mutter.
Der Vater schaukelt den Wagen. Er schwitzt. Er hat einen roten Kopf.
Die anderen Gäste tun ebenfalls so, als störe sie das Baby nicht. Doch es stört. Das
Schreien stört schrecklich. Man darf es nur nicht zeigen.
Inzwischen habe ich meinen Garopa gegessen. Er war köstlich.
Alles war köstlich.
Am Nachbartisch werden die nächsten Scheiben des Meerjungfrauen-Fischs serviert.
Da liegt er nun auf seinem Bett aus gecrushtem Eis in der Kühltruhe mit gewölbter Glaskuppel und das Loch in seinem silbernen Schuppen-Leib wird größer.
Der Vater schiebt den Teller von sich weg. Er dreht sich zu dem Kinderwagen und nimmt das Kind heraus. Er nimmt es auf den Arm.

Die Mutter und die Großmutter schauen
kurz, mit hohen Stimmen sagen sie wahrscheinlich das, was man Babys so sagt.
Sie sprechen englisch. Des Großvaters Blick hat sich auf seinem Teller festgesaugt.
Der Vater schaukelt das Baby, so dass das kleine kahle Köpfchen hin und her wackelt, man möchte ihm raten, den Kopf des Kindes festzuhalten, zu stützen.
Ach, was soll‘s, sie sprechen englisch.
Jetzt steht er auf, der Vater mit dem Kind.
Er geht über den Steg Richtung Strand.
Dunkel ist es geworden am Strand. Die Strandliegen sind verlassen. Die Sonnenschirme zugeklappt. Ein Hund hier, ein später Strandwanderer dort.
Ich sehe schlecht, die Dunkelheit macht mir Probleme.
Am Nebentisch findet eine angeregte Unterhaltung statt. Sie sind in guter Urlaubsstimmung.
Eine harmonische Familie.
Der junge Mann geht mit gleichmäßig langen Schritten immer weiter. Er wiegt sein Kind in den Armen. Er legt es sich über die Schulter. Er streichelt sein Köpfchen.
Jetzt ist er jenseits der Düne, er müsste gleich wieder zu sehen sein.
Seine Frau hat nicht einmal nach ihm und dem Baby gesehen.
Die anderen an seinem Tisch auch nicht.
Jetzt achte ich nicht mehr darauf, ob es noch jemand beobachtet.
Trotz der Dunkelheit sehe ich, wie der Mann mit seinem Kind ins Wasser geht. Schritt für
Schritt. Ohne zu zögern.
Jetzt blähen sich die Hosenbeine. Seine Taille verschwindet aus meiner Sicht. Ich versuche zu rufen, doch meine Stimme versagt, mein Atem vergisst zu atmen, mein Herzvergisst zu schlagen. Jetzt tauchen die Schultern des jungen Mannes und der
ganze kleine Körper des Kindes unter das Wasser.
Nur die Köpfe sehe ich noch. Ich sehe ihn immer noch durchs Wasser schreiten, als die Flut
und die Wellen schon über ihnen zusammengeschlagen sind.
Ist das mein Schrei? Hoch und fremd? Und plötzlich schreien alle.
Alles läuft durcheinander, alles telefoniert. Ich sehe Entsetzen in den Gesichtern,
Fassungslosigkeit, ungläubiges Erkennen.
Noch ist alles still, dort unten am Rande des Wassers. Friedlich.
Doch ich höre schon die Sirenen, ich sehe das kalte blaue rotierende Licht. Es wird machen,
dass die Farben des Meeres, dass die Farben des Himmels scheinbar wieder Pigmente enthalten. Das Meer wird aufgewühlt sein von den Booten und den Tauchern.
Doch es wird zu spät sein. Der Rücken des Mannes mit seinem Kind hatte seine eigene Sprache.
Ich gehe an der Kühltruhe vorbei, vorbei an dem zerstückelten Fisch mit dem kostbar
schimmernden silbernen Schuppen-Leib.
Im blauen Licht der Ambulanzleuchten scheint er so lebendig, der Garopa.
Wie der Schein doch manchmal trügt!

 

 

 

 

 


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